Lena Göbel und der Holzschnitt
Seit Lena Göbels künstlerischen Anfängen steht der Holzschnitt im Zentrum ihrer medialen Auswahl. Dynamisch expressionistische Furchen definieren das Holz – die erhabenen und im nächsten Schritt mit Druckerfarbe eingewalzten Stellen werden auf einem Blatt Papier spiegelverkehrt sichtbar gemacht. Wie auch in der Beschneidung der Druckvorlage ist der Druckprozess ebenso körperlich bestimmt, da die Künstlerin auf eine Druckerpresse verzichtet und per Hand das Blatt abreibt. Monumentalität, figurative Expressivität und Originalitätscharakter sind die Leitbegriffe, die sich hierbei erkennen lassen.
In den Anfängen des Holzschnittes fungierte die Hochdrucktechnik als Flugblatt, als klerikal-propagandistischer Flyer. Die sogenannten Einblattholzschnitte mit religiösen Sujets sind die ältesten künstlerischen Zeugnisse des Holzschnittes, die um 1400 entstanden sind. Ebenso kompakt im Format waren Albrecht Dürers Holzschnitte, zumeist im bibliophilen Kontext publiziert. Das Kabinettformat des Holzschnittes blieb über die Jahrhunderte aufrecht, ob bei den Künstlern der Renaissance und des Manierismus von Dürer bis Ugo da Carpi und dessen farbig abgestuften Chiaroscuro-Holzschnitten über die Japanischen Holzschnitte von Hokusai und Hiroshige bis in die klassische Moderne bei Edvard Munch und den Brücke-Künstlern. Erst in der US-amerikanischen Nachkriegskunst um 1945 trat eine drastische Vergrößerung des Formats in der Druckgrafik ein, allen voran im Abstrakten Expressionismus und der Pop Art – aus dem Staffeleibild wurde ein Feld. Die Druckgrafik erlebte einen regelrechten Boom, allerdings fokussiert auf die Techniken Siebdruck und Lithografie, bei denen Robert Rauschenberg den Weltrekord mit dem Siebdruck Currents mit einer Breite von etwa 17 Metern hält. Der Holzschnitt hat allerdings erst im Neoexpressionismus der 1970er- und 1980er-Jahre im übergroßen Format mit Georg Baselitz und Anselm Kiefer seine Blüte erlebt.
In Österreich hat Erich Steininger in den 1990er-Jahren mit dem Werk Körper wird Land einen 4,8 x 17 Meter großen mehrteiligen Holzschnitt erschafft.
Lena Göbels Diplomarbeit im Jahre 2008 an der Akademie der Bildenden Künste am Schillerplatz maß stolze 2,6 x 5,10 Meter. Sie studierte in der Meisterklasse von Gunter Damisch, der ebenso im Medium des Holzschnittes zahlreiche großformatige Werke geschaffen hatte. Im Unterschied zu ihrem Lehrer, der vor allem mit abstrahierten Formen und detailreichen Strukturen seine Druckgrafiken bespielte, arbeitet Lena Göbel ausschließlich figurativ. Zwitterwesen – halb Mensch, halb Tier – bevölkern die Bilder, zumeist in einem Porträttypus gefasst, der aus Gemälden von Lucas Cranach entnommen sein könnte. Katzen, Fische in trachtig-prächtiger Robe, verewigt im monumentalen Bildformat. Die gedruckte Linie im Holzschnitt wirkt stets fahrig, wild, gestisch und lebendig. Das Expressionistische findet sowohl im Duktus der Künstlerin als auch im Ausdruck des figurativen Motivs seinen Widerhall. Hierbei steht Göbel in der unmittelbaren Traditionslinie mit den expressionistischen Brücke-Künstlern und den Neoexpressionisten wie Baselitz und Kiefer. Per se ist der Holzschnitt sehr statisch, unbelebt. Klare lineare Stege, die Figur und Motiv beschreiben, werden aus dem Holz herausgeschnitten. Bei Göbel erfährt er hingegen Offenheit und Expression. An sich ist der Holzschnitt ein reproduzierbares Medium, Kunst mit Auflage. Im Falle von Lena Göbel ist jedes einzelne Werk ein Original und hat Unikatcharakter. Jeder Abdruck steht für sich und wird nachträglich malerisch mit Lack oder Harz weiterverarbeitet und zumeist auf der Leinwand kaschiert.
Lena Göbel vitalisiert das sperrig-hölzerne Medium ungemein und findet eine authentisch-frische Bildsprache im Materiellen mittels persönlichen Handanlegens und des physischen Spuren-Hinterlassens.
Florian Steininger